"Eine Kunst, die aus der Zeit fällt"

Acht Künstler und zwei Künstlerinnen arbeiten täglich in den verschiedensten Techniken im Atelier de La Tour: Malen mit Tempera- und Dispersionsfarben, farbigen Tuschen, Pastellölkreiden, Bunt- und Tuschstiften aller Art, Radierungen, Monotypien, Holz- und Linolschnittverfahren sowie der Holzbildhauerei. Ihre Berufung ist ihr Beruf.

Die Arbeiten zeichnen sich aus durch Authentizität, Stilsicherheit und Einfallsreichtum. Sie sind weitgehend von Strömungen innerhalb der zeitgenössischen Kunst unbahängig und, wie es Prof. Regel von der Universität Leipzig formuliert: „eine Kunst, die aus der Zeit fällt“. Laut Prof. Max Kläger sind die Erkennungsmerkmale dieser besonderen bildnerischen Ausdrucksfähigkeit Ergebnis des präsentativen, nicht-diskursiven Denkens und sind formal gesehen häufig aspektivisch/flächig und weisen inhaltlich einen verstärkten Drang zu einem synkretischen, der konventionellen Logik widersprechenden Zusammenfügen von figürlichen Formelementen, oft symbolischen Charakters, auf. Die besondere Eigenart dieser Bildkunst hat ihren Ursprung in einer überreichen Fantasie und in einer erfrischenden stilistischen Unbekümmertheit mit unmittelbarer Ausdruckskraft.

Ein Atelier für Menschen mit besonderen Begabungen

Seit 36 Jahren wird im Atelier de La Tour in Treffen am Ossiacher See künstlerisch gearbeitet. Die Einrichtung – eines der ältesten Ateliers für Menschen mit Behinderung – geht auf das große Talent des mit Down-Syndrom lebenden Willibald Lassenberger zurück, der sich bereits Ende der 70er Jahre mit Zeichnen und Malen intensiv auseinandersetzte. Heute arbeiten 10 KünstlerInnen täglich im Atelier, zwei davon als Holzbildhauer. Die Arbeiten entstehen weitgehend unabhängig von Strömungen innerhalb der zeitgenössischen Kunst und zeichnen sich aus durch Authentizität, Stilsicherheit und Einfallsreichtum. Es sind authentische, unkonventionelle und originelle Arbeiten, die entstehen. Zahlreiche Ausstellungen im In- und Ausland seit 1983 sowie viele Würdigungen und Auszeichnungen unterstreichen die Bedeutung der de La Tour KünstlerInnen im Kunstgeschehen.

Bildnerisch begabte Persönlichkeiten zu entdecken, zu fördern und zu begleiten, damit sich Talente schöpferisch entfalten können, gehört zu den Zielen des Atelier de La Tour. Eine wichtige Rolle nehmen dabei die Begleitpersonen ein, die durch ihre Präsenz, ihr pädagogisches Geschick und ihr psychologisches Einfühlungsvermögen emotionale Sicherheit geben und über eine Förderkompetenz verfügen, die eigenständiges künstlerisches Arbeiten ermöglicht.

Der Suche und Förderung von Talenten und ihrem individuellen Entwicklungsprozess wird genügend Zeit und Raum gegeben. Hat die jeweilige Persönlichkeit ihren eigenen unverkennbaren Stil gefunden, können eigene Ideen selbstständig kreativ umgesetzt werden und ist ein durchgehendes Niveau und Kontinuität in der Arbeit sichtbar, erst dann werden die Arbeiten in der kulturellen Öffentlichkeit präsentiert.

Im Jahre 2002 wurde in Klagenfurt die Galerie de La Tour eröffnet. Diese hat sich zu einem viel beachteten Treffpunkt für Kunstinteressierte entwickelt. Als Ausstellungsplattform von internationalem Format präsentiert die Galerie Werke von KünstlerInnen mit und ohne Behinderung – ein Konzept bei dem allein die Kunst im Vordergrund steht.

Ob es das Arbeiten im Atelier ist oder die Galerie de La Tour betrifft – immer wieder werden u. a. auch Crossover- und inklusive Projekte realisiert, in denen sich die de La Tour KünstlerInnen den verschiedensten Herausforderungen stellen – seien es Buchillustrationen, Zusammenarbeit mit dem Theater, dem Carinthischen Sommer, die Teilnahme an Themenausstellungen diverser Aussteller oder gemeinsam mit zeitgenössischen KünstlerInnen … Dabei geht es um Kunstschaffen, die Auseinandersetzung mit Kunst und um Kommunikation.